Open Source · 6 Min.
Open Source: Illusion oder Pfeiler der europäischen digitalen Souveränität?
Der Vorfall vom Juli sprach ebenso für die Offenheit wie gegen sie. Open Source ist nicht von Natur aus souverän — es lässt sich souverän machen.
Halbleiter, Cloud, KI, Open Source: Brüssel hat Anfang Juni ein Maßnahmenpaket vorgestellt, das eine strategische Wende sein will. Zwischen erklärtem Anspruch und fortbestehenden Abhängigkeiten — ein Versuch, Strukturelles von Deklaratorischem zu trennen.
Am 3. Juni 2026 hat die Europäische Kommission ihr „Technologie-Souveränitätspaket“ vorgestellt — ein Bündel von Rechtstexten und Initiativen zu vier Säulen: Halbleiter, künstliche Intelligenz, Cloud-Computing und Open Source. Schon die gewählte Definition ist ein Fortschritt: Technologische Souveränität wird darin beschrieben als die Fähigkeit Europas, in der digitalen Welt unabhängig zu handeln — indem es Schlüsseltechnologien, Daten und Infrastrukturen entwickelt und kontrolliert und zugleich die Abhängigkeit von Anbietern aus Drittstaaten verringert. Mit anderen Worten: weder Autarkie noch Beschwörungsformel, sondern eine Frage der Handlungsfähigkeit.
Der legislative Kern des Pakets besteht aus zwei Vorschlägen: einer Verordnung „Halbleiter 2.0“, die die Grenzen des ersten Chips Act anerkennt, und einer Verordnung zum Ausbau von Cloud und KI, die europäische Rechen- und Hosting-Kapazitäten im großen Maßstab aufbauen soll. Hinzu kommen eine Open-Source-Strategie der Union — auf die wir in Open Source: Illusion oder Pfeiler der Souveränität? zurückkommen — sowie ein Fahrplan für Digitalisierung und KI im Energiesektor.
Die Dynamik hat sich den ganzen Sommer über fortgesetzt: Ende Juli startete die Kommission einen Projektaufruf für „KI-Gigafactories“ mit dem Ziel, mehr als 30 Milliarden Euro an Investitionen in Rechenkapazitäten größten Maßstabs zu mobilisieren. Anfang August kündigte sie die beschleunigte Inbetriebnahme der souveränen Satellitenkonstellation IRIS² an. Das für Brüssel ungewöhnliche Tempo zeugt von einer Einsicht: Das Zeitfenster, um in der Frontier-KI überhaupt zu existieren, schließt sich schnell.
Dieses Paket kommt nicht aus dem Nichts. Das Europäische Parlament hat mit breiter Mehrheit eine Entschließung zur technologischen Souveränität und zu digitalen Infrastrukturen angenommen — mit der Feststellung, dass sich die digitale Macht in den Händen außereuropäischer Unternehmen konzentriert, zulasten der Fähigkeit Europas, zu innovieren, wettbewerbsfähig zu sein und die Kontrolle über seine Wirtschaft, seine Gesellschaft und seine Demokratie zu behalten. Die Diagnose ist inzwischen Konsens; strittig ist die Umsetzung.
Drei Elemente sprechen für eine reale Wirkung. Erstens der Ansatz über Fähigkeiten (Rechenleistung, Fertigung, Orbit) statt über Regulierung allein: Nach einem Jahrzehnt, das ganz auf das Recht setzte, ist das ein Wandel der Natur der Sache. Zweitens die Verzahnung mit der öffentlichen Beschaffung: Mehrere Bestimmungen ebnen den Weg für Präferenzkriterien zugunsten europäisch kontrollierter Angebote in den kritischen Segmenten. Und drittens die Verankerung von Open Source als vollwertigem Souveränitätsinstrument — nicht als Randthema.
Dem stehen drei Grenzen gegenüber. Zunächst die Beträge: 30 Milliarden für die Gigafactories bleiben bescheiden gegenüber den jährlichen Investitionsausgaben der amerikanischen Hyperscaler. Dann der Zeitplan: Zwei Verordnungen, die im Trilog zu verhandeln sind, bedeuten zwei bis drei Jahre bis zur Anwendung. Und schließlich die Nachfrage: Ohne Abnahmeverpflichtungen der großen europäischen Auftraggeber — Staaten eingeschlossen — drohen die geschaffenen Kapazitäten leerzulaufen. Souveränität lässt sich nicht auf der Angebotsseite verordnen; sie wird auf der Nachfrageseite gebaut.
Für europäische Technologieunternehmen ist die Botschaft doppelt: Finanzierungsinstrumente und ein Präferenzrahmen entstehen — doch die Glaubwürdigkeit des Kurswechsels entscheidet sich in den nächsten achtzehn Monaten, bei den ersten Ausschreibungen und den ersten tatsächlich vertraglich fixierten Gigafactories. Dort muss man hinschauen — nicht in die Pressemitteilungen.
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